Jan Burian, 1952 in Prag geboren, studierte Journalismus an der Karlsuniversität. Zeitweilig arbeitete er als Redakteur der Musikzeitschrift Melodie, doch begann er schon früh, aktiv Musik zu machen. Anfang der siebziger Jahre spielte er mit der Gruppe Šafrán, dann (bis 1985) mit Jiří Dědeček. Später machte sich Jan Burian als Liedermacher und Solo-Interpret einen Namen. Als Gastmusiker standen ihm unter anderem Daniel Fikejz und Petr Skoumal zur Seite. Jan Burian hat seit 1992 eine eigene Talkshow im tschechischen Fernsehen (ČT 1): Posezení s Janem Burianem. Fünfzig dieser Zweiergespräche, darunter viele mit wichtigen Gestalten des öffentlichen Lebens, erschienen 1996 in Buchform: Zlaté časy televize (Primus-Verlag).

Keine Kompromisse

Tagblatt-Gespräch mit Jan Burian Seine Visitenkarte weist ihn als "unabhängigen Kulturarbeiter" aus. Stattdessen könnte auch Liedermacher stehen, Schriftsteller oder Fernsehjournalist. Jan Burian spricht nicht gern von seinen vielen Berufen. Er meint, er habe nur einen: "Das zu tun, was mich interessiert." Was das ist, verrät er im Tagblatt-Gespräch mit Georg Pacurar.

PT: Herr Burian, wie fühlen Sie sich nach dem Konzert?
JB: Gut, ich bin ein biÁchen müde, aber es war ein tolles Konzert. Der Saal war voll, die Leute haben ständig gelächelt, viele richtig losgelacht.

PT: Sie haben viele politische Witze gemacht. Man sagt, je schlechter die Zeiten, desto besser die Witze. Werden die Menschen wieder zugänglicher für Humor?
JB: Ich habe keine Witze gemacht, das war ernst gemeint. Wir stehen natürlich kurz vor den Wahlen, und da liegen politische Bemerkungen nahe. Aber es ging auch um andere, wichtigere Ereignisse, beispielsweise die Sonneneruption gestern. Und was den Humor betrifft, man kann ernste Dinge entweder mit Pathos vortragen oder mit Ironie. Uns Tschechen liegt die Ironie eher als das Pathetische.

PT: Wie läÁt sich dann die politische Rhetorik etwa von Václav Klaus oder Miloš Zeman einstufen. Ist das eher Pathos oder Ironie?
JB: Wenn Politiker sprechen, ist das nie humorvoll. Ich habe bei unseren Politikern das Gefühl, daÁ sie gar keinen Sinn für Humor haben, dafür sind sie zu selbstbezogen. Für diese Leute ist Politik das Wichtigste, ein Wert für sich. In meinen Augen hat sie aber keine andere Funktion als die Erledigung der gesellschaftlichen Angelegenheiten. Ich fürchte, noch nicht einmal das gelingt unserer politischen Klasse.

PT: Sie haben eine eigene eine TV-Talkshow. Worin unterscheidet sich die von den übrigen zig tschechischen Personality-Shows?
JB: Ich möchte einen Gegenpol bilden zu den aggressiven, eher publizistisch ausgerichteten Sendungn. Es geht mir nicht um Affären und Sensationen, sondern um Menschen, die etwas Schönes tun, aus denen Energie flieÁt. Damit dieses Fernsehen nicht nur Horror ist. Aber ich mache diese Show nicht um des Fernsehens willen, sondern in erster Linie für mich. Ich muÁ mit Leute zu reden, um zu wissen, daÁ ich lebe, daÁ mir diese medialisierte Welt nicht die Fähigkeit zu denken zerstört.

PT: In letzter Zeit stellen Sie oft ganz gewöhnliche Leute vor, etwa ein Studentenpärchen, das ein paar Monate durch Südamerika reiste. Warum dieses Interesse am Durchschnittsbürger?
JB: Das sind keine Durchschnittsbürger, im Gegenteil. Das Mädchen sagte: "Ich brauche nicht viel Geld, um zu reisen." Sie sparten für den Flug, aber für das Leben vor Ort arbeiteten sie, zum Beispiel halfen sie Indianern auf dem Feld gegen Kost und Logie. Das ist nicht durchschnittlich. Ein Durchschnittstscheche würde klagen, er könne nichts von der Welt sehen, weil er kein Geld hat. Ich will in den Gesprächen mit solchen Menschen zeigen, daÁ es nicht aufs Geld ankommt, wenn man etwas Tolles machen möchte. Worauf es ankommt, ist Freiheit. Sie ist ein groÁartiges Geschenk, nur muÁ man lernen, damit umzugehen. Ich habe das Glück, in meinem Beruf machen zu können, was ich will. Ich gehe wegen Geld keine Kompromisse ein.

PT: Über die Freiheit beschwert sich niemand, nur klagen manche Ihrer Künstler-Kollegen, die Solidarität des Underground sei 1989 verschwunden.
JB: Geld vergiftet nicht alles. Vielleicht haben manche Leute ihre Freunde verloren, und das ist für sie bitter. Aber die Menschen verändern sich nun einmal. Wie auch nicht? Alles ist anders geworden, nicht nur das, was man ändern wollte. Es ist diese ewige Suche nach dem dritten Weg. Dabei haben wir es noch nicht einmal mit dem zweiten richtig versucht.

PT: Sie haben mehr als 70 Fernseh-Interviews geführt. Ob mit mehr oder weniger berühmten Leuten, solche Gespräche entwickeln ja schnell eine besondere Dynamik. Wie gehen Sie damit um?
JB: Jedes Interview hat seine eigene Chemie. Ich versuche immer, die Leute zu öffnen, ihnen die Angst vor der Kamera zu nehmen und davor, daÁ ihre Worte vielleicht miÁbraucht werden. Wie ich das mache, ist von Fall zu Fall verschieden. Es ist aber eher eine Frage der Intuition als der Methode. Am kompliziertesten sind Gesprächspartner, die an öffentliche Auftritte gewohnt sind und dazu neigen, professionelle Statements über ihr Arbeitsgebiet zu lancieren. Das entspricht nicht den MaÁstäben, die ich an meine Sendung setze. Mich interessieren die Personen immer mehr als die Problematik, mit der sie sich befassen.

PT: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, drei Persönlichkeiten zu interviewen, die nicht mehr leben, wen würden Sie einladen? König David? Stalin?
JB: Stalin auf keinen Fall, es sollte jemand Positives sein. Ich würde zum Beispiel gerne mit meinem GroÁonkel, dem Wagner-Sänger Karel Burian sprechen, dann mit Albert Schweitzer und Lady Godiva.

PT: Lady Godiva ist eine englische Sagengestalt, der Sie auf Ihrem neusten Album ein Lied widmen. Ansonsten inspirieren Sie eher Alltagsgestalten.
JB: Ich schreibe die Lieder so, wie mir gerade zumute ist. Wenn ich Leute kennenlerne, mich verliebe oder Angst habe, mach ich eben was daraus. Meine Songs haben nichts mit Pop-Musik zu tun, die ja kaum mehr ist als eine Methode, um Platten zu verkaufen. Was ich mache, das ist im Grunde genommen Folklore.

PT: Nicht ganz. In der Folklore bleibt der Autor eines Liedes unbekannt.
JB: Vielleicht werde ich ja vergessen.
[ Login ]

©2008 Jan Burian. Všechna práva vyhrazena.